Schwerhörig? Vergesslich?

Schwerhörig? Vergesslich?

Kennen Sie das? Ein heranwachsendes, geliebtes Menschlein in Ihrer näheren Umgebung will Ihnen weismachen, dass Sie schlecht hören und sowieso irgendwie tüddelig und vergesslich wirken! Ich habe das Gefühl, dass derartige Diagnosen vermehrt an mich herangetragen werden. Nun bleiben mir mindestens zwei Möglichkeiten: Verunsichert gehe ich zu meinem Hausarzt und lasse mich „durchchecken“, um ein eventuelles körperliches Defizit in Ohr- oder Gehirnnähe frühzeitig zu erkennen, um dagegen etwas zu tun oder bestenfalls um etwaige Lädierungen ganz auszuschließen. Ich habe mich entschlossen diese Möglichkeit noch ein paar Jährchen aufzuschieben und entscheide mich vorerst für die zweite, die offensive, argumentationslastige Variante, mit der ich solch vorschnellen Diagnosen von Heranwachsenden dann und wann entgegne.

Diese Option hört sich in etwa so an: „Liebes Kind! Ich hätte dich verstanden, wenn du in der Lage wärst, beim Kommunizieren deinen Blick in meine Richtung zu wenden, damit deine Worte Kurs auf mich nehmen können! Ich dachte, du sprichst mit deinem Pullover oder mit dem Krümel auf dem Fußboden! Weiter ist es beim Reden, wenn dein Reden schon das Ziel haben soll, für mich verständlich zu sein, von Vorteil, die Zähne und Lippen auseinander zu nehmen. Laute formen sich nur sehr widerwillig beim Nichtbewegen des Mundes! Entschuldige – aber es war nicht einmal sichtbar, dass du etwas gesagt hast. Wie soll es dann hörbar sein? Und außerdem, geliebtes Kind: Ich bin nicht vergesslich, nur weil ich mir die gefühlten zehn, davon mindestens sieben ungewöhnlichen Nachnamen deiner Lehrkräfte inklusive der Fächer, die sie unterrichten, nicht merken kann, zumal dein Geschwisterkind mich mit ungefähr der gleichen Anzahl an Namen konfrontiert. Es wäre für mich auch ein Leichtes, mir zu merken, wer von euch sich wann, wo, mit wem zu welcher Uhrzeit treffen möchte, wenn ich nicht parallel dafür Sorge tragen müsste, dass der Kühlschrank voll, das Konto ausgeglichen, die Katze gefüttert, die Rechnung überwiesen, der Strom abgelesen, der Einkauf erledigt, das Geschenk besorgt, das Essen gekocht, das Fahrrad repariert, der Schnee geschippt und die Wäsche gewaschen ist. Glaube mir, liebes Kind, noch bin ich weder schwerhörig noch vergesslich. Ich bin einfach nur ein „stinknormaler“ liebender und beschäftigter Elternteil!

Ein Kommentar

  1. Inge Schlüter sagt:

    Eine meiner treuesten Leserinnen der Kolumnen hatte bei dieser Kolumne wahrscheinlich ein wenig das Gefühl, ich schreibe über sie…

    Hallo liebe Frau Schlüter,
    nein also wirklich, mit dem letzten „Nachgedacht“ haben Sie mir so richtig aus der Seele gesprochen!! Ein bisschen so, als hätten Sie über mich und meine süßen Kinder gesprochen, die ja eigentlich durchaus in der Draussen- Welt als Erwachsen gelten (25 und 23 Jahre alt) und daher ja auch eigentlich für solche Äußerungen zu alt erscheinen! Aber hier geht es tagein- tagaus genauso! Anders als Sie es jetzt gemacht haben, wäre mir wohl nie eingefallen, daraus so einen lustigen Artikel zu schreiben. War in letzter Zeit ja eh etwas angegriffen und gerade diese ‚Art‘ meiner Kids ging mir besonders auf die Nerven!! So habe ich denen erstmal Ihren Beitrag unter die Nase gehalten und gemeint, da hätte jemand über sie geschrieben. Das Erstaunen war groß. Natürlich haben sie sich so gar nicht wiedererkannt, aber der Denkanstoss war dennoch gegeben. Dafür dankeschön! Nun möchte ich Ihnen noch alle guten Wünsche für 2016 mitgeben. Bleiben Sie weiter so erfolgreich und mit guten Ideen ‚gespickt‘. Ganz liebe Grüße sendet Ihnen Ihre Ute Schmidt

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