Liebes Facebook

Liebes Facebook,

wie du vielleicht schon bemerkt hast, habe ich dich verlassen! Du wurdest mir ans Herz gelegt, weil es ein absolutes Muss sein soll, sich oder zumindest sein „Produkt“ über dich bekannt zu machen. Irgendwann – viele Jahre nach dem großen Hype um dich – war dann auch ich soweit. Obwohl ich deine Oberfläche nie leiden konnte, habe ich dir eine Chance gegeben, denn meine Mutter sagt immer, dass es auf die inneren Werte ankommt. Aber auch deine inneren Werte, liebes Facebook, konnten mich nicht überzeugen. Deine überschaubaren Pluspunkte kommen einfach nicht gegen all die negativen Einflüsse und Eigenschaften an.

Um es auf den Punkt zu bringen: du nervst! Du erfüllst weder meine beruflichen Erwartungen noch passt du zu meinen zwischenmenschlichen Vorstellungen und Ansprüchen. Ich habe mich schnell dafür geschämt, Menschen virtuell meine „Freunde“ zu nennen und fast zeitgleich ihre Profile zu blockieren, damit ich, die lediglich ein Produkt bekannt machen wollte, nicht mit deren privaten Nutzungsgebaren konfrontiert werde. Binnen kürzester Zeit war ich einer andauernden Ambivalenz ausgesetzt. Auf der einen Seite das suchtähnliche Wissenwollen über Leserzahlen und -reaktionen und auf der anderen Seite die Ernüchterung über deine Überflüssigkeit und deine zeitraubenden Bombardements mit dem, was andere Menschen zu allen Themen und Pseudo-Themen der Welt „posten“. Die Wichtigkeit und der Sinngehalt dieser grenzenlosen Informationsflut erschließt sich mir nicht immer, sondern lässt meine Vermutung zur Überzeugung heranwachsen, dass du, liebes Facebook, nicht zu mir passt. Genauso, wie ich mich einst aus Neugier mit unternehmerischer Probierlust für dich entschieden habe, so entscheide ich mich nun bei vollem Bewusstsein gegen dich. Auch auf die Gefahr hin, dass mir LeserInnen und Feedbacks verloren gehen. Weiter nehme ich in Kauf – gern in Kauf! –, dass mir zukünftig verborgen bleibt, dass bei „Freundin X“ ein Huhn über die Terrasse läuft, dass „Freund Y“ einen Beitrag auf ZDF Neo gefällt oder dass „Freundin Z“ ein galoppierendes Pferd gefilmt hat. Dafür entgeht mir etwas wirklich Wichtiges nicht: Kostbare Zeit und meine Wahrnehmung, was sich für mich – unabhängig vom modernen Zeitgeist – stimmig anfühlt!

Und eins noch: Ich wurde „angestupst“ und weiß bis heute nicht, welcher Sinn sich dahinter verbirgt – falls sich überhaupt ein Sinn hinter dieser Albernheit verbirgt!? Goodbye, Facebook!

2 comments

  1. Frank Born sagt:

    Hallo Frau Schlüter,
    Glückwunsch zu diesem mutigen, richtigen Schritt!
    Ich selbst hatte mich dort mal kurz angemeldet, um nach einem Klassentreffen die dort eingestellten Fotos anzusehen, die Anmeldung war für mich schon aus Datenschutzgründen eigentlich eine Unmöglichkeit. Was facebook dann sonst noch so an „tollen Einfällen“ hatte, hätte ein deutsches Unternehmen mehrfach vor Gericht gebracht.
    Aber wenn ALLE da sind, es auch nix kostet, (außer Persönlichkeitsrechten)…

    Ich freue mich schon auf die nächste Kolumne / Nachgedacht!

    Mit freundlichen Grüßen
    Frank Born

    • Inge Schlüter sagt:

      Hallo Herr Born,
      danke für Ihren „Selbsterfahrungs“-Beitrag! Was soll ich sagen: fühlt sich echt guuuuut an, wieder ohne Facebook zu sein! Und dass mein Vermuten über weniger Feedbacks nun auch gleich mit einem so glückwunschreichen Feedback belohnt wird, finde ich prima! Danke! Bleiben Sie mir gern auch weiterhin als freudiger, kritischer Leser meiner Kolumnen erhalten. Mit besten Grüßen, Inge Schlüter

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