Je suis…wer oder was jetzt?

Je suis…wer oder was jetzt?

Hin- und hergerissen nehme ich mich und mein Umfeld nach dem wiederholt Unfassbaren wahr.

Traurig denke ich an mir völlig unbekannte Menschen in und um Paris, die nun mit dem brutalen Tod eines nahen Angehörigen weiterleben müssen. Gleichzeitig merke ich, wie mir viele Solidaritätsbekundungen, besonders die im weltweiten Netz, wie hohles „Weltgelaber“ erscheinen.

Ein Mausklick und man ist aktuell „Je suis Paris“, was übersetzt heißt: „Ich bin Paris!“. Die Schnelligkeit, mit der heutzutage Solidarität bekundet werden kann, kommt dem temporären Wunsch nach Zusammengehörigkeit und Gesinnungsgleichheit entgegen. Das freut mich für die Menschen, die das so brauchen. Ein Nachteil kann sein, dass durch den geringen Aufwand – ein Mausklick – eine Art unbedachtes Mitläufertum entsteht.

„Je suis Paris“ wird bekundet – zeitgleich erfahren Menschen, die genau wegen solcher in ihrer Heimat fast alltäglichen Ereignisse ihr Zuhause verlassen und in unserem Land Schutz suchen, auch Ablehnung.

„Je suis noch nie Syrien“ gewesen und je sius auch nicht Kongo oder Afghanistan. Wieso eigentlich nicht? Solidarität für Mitmenschen scheint einfach, solange sie nicht zu weit weg sind und solange die Grenze zu „meinem“ Land nicht überschritten wird!

Dazu kommt: Wenn der erste Schock vorüber sein wird, weicht die Solidarität nicht selten dem Kommerz und wir können Textilien und Taschen mit besagten Spruch kaufen. So war es zumindest bei „Je suis Charlie“.

„Je suis Paris“. Bin ich Paris? Kann ich Paris sein, ohne jemals dort gewesen zu sein und ohne Französisch sprechen zu können? Wenn ja, dann bin ich auch das nicht eingehaltene Integrationsversprechen, das dafür sorgt, dass zehn Jahre nach heftigsten Ausschreitungen in den Pariser Randzonen, den Banlieues, wörtlich übersetzt Bannmeilen, nach wie vor von Ausgrenzungen und Defiziten in vielen Bereichen betroffen sind.

Nein, ich für mich nehme Abstand von derart dargestellten Solidaritätsbekundungen, auch wenn mir dadurch ein Weg versperrt bleiben mag, meiner Traurigkeit, der Ohnmacht, der Angst und dem Entsetzen über die grausamen Ereignisse Ausdruck zu verleihen.

2 comments

  1. Inge Schlüter sagt:

    Wiedermal erreichte mich dankend ein Feedback des „treuen“ Kolumnenlesers Torsten Tilly. Mit seiner Erlaubnis darf ich es hier auf der Homepage veröffentlichen:

    Moin,

    Respekt für eine wertkonservative, emotional ehrliche und nicht scheinheilige Betroffenheit über die terroristischen Machenschaften von Wahnsinnigen. Interessanterweise fand in Beirut zur selben Zeit wie in Paris ein Attentat statt. Aber der Tod in Beirut ist ja, wie Du schon schriebst, gaaaaanz weit weg. Mögen Initiativen wie „Anonyiomus“ oder ähnliche, Früchte tragen um gesellschaftliche Isolation des Wahnsinns, abseits der Verquickungen der Politik, zu ermöglichen.

    Sonnigen Sonntag, wenn auch nur über den Wolken

    Torsten Tilly

  2. Inge Schlüter sagt:

    Außerdem erreichte mich eine nette, interessante, lebendige Zuschrift der Frau Ute Schmidt. Auch sie hat mir ihr „OK“ gegeben, die Zuschrift hier zu veröffentlichen. Danke dafür!

    Hallo liebe Frau Schlüter,
    ich bin ein großer Anhänger Ihrer ‚Nachgedacht‘ -Beiträge im Basses Blatt. Mit dem ‚Je suis…‘ haben Sie mir echt eins verpasst! Und Sie haben ja so recht. Natürlich musste ich auch einen ‚Je suis Charlie‘ -Aufkleber haben, um ihn in meine Kladde zu kleben (darin sind wichtige Dinge für mich: Bücher, die ich kaufen möchte; Ausstellungen, die mich interessieren; Fotos; Artikel (auch einige von Ihnen), etc.). Dabei heiße ich weder Charlie, noch arbeite ich da, noch bin ich Journalistin. Und Paris? Genau – ich war noch nie da. Ich spreche zwar französisch und lese gerne Französische Krimis (u.a. auch Fred Vargas) und ich liebe Galettes und Crêpes und die Boûche nõel zu Weihnachten, das wars mit Paris und Frankreich. Danke fürs Augen öffnen! Die Selbstkritik ist wieder da, was mache ich eigentlich hier? Mit allen Wölfen heulen? Nee! Eher doch nicht… Echt Ihr Verdienst. Werde mich von allen Mausklicks des Computers entfernen, nichts liken oder aus doch recht fadenscheinigen Solidaritätsbezeugungen raushalten. Gewissen beruhigen oder was wollte ich damit? Zumal es gar keinem nützt. Nicht mal mir selber. Echtes Gefühl für Solidarität wäre es wohl, den Angehörigen von Angesicht zu Angesicht Trost zu spenden. Aber Paris ist weit weg von mir und auch nicht gerade (da muss ich ehrlich sein) z.Zt. mein begehrtestes Reiseziel! Also danke ich Ihnen für Ihre nachdenklich machenden Zeilen und stelle mich hinter Sie. Auch für die Zukunft wünsche ich mir, dass Sie viel ‚Nachdenken‘, die Welt braucht solche Anregungen. Ich freue mich schon aufs nächste… Mit ganz lieben Grüßen aus einem kalten aber sonnigen Bad Segeberg von Ute Schmidt.

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