Archiv für Informitziges zum Lesen

#Lebensretter

# Lebensretter

Eine unaufschiebbare Information möchte ich Ihnen anvertrauen: Ich bin Lebensretter!

Ich höre förmlich Ihren Applaus einhergehend mit der bedenkenschwangeren Frage: Wie – um alles in der Welt – hat Frau Schlüter das geschafft? Die Antwort duldet keinen Aufschub, weswegen ich unverzüglich den Wind aus den Segeln nehmen möchte, bevor die wildesten Vorstellungen zu kleinen Kopfkinofilmen mutieren: Weder rettete ich aus der Ostsee einen entkräfteten Menschen vor dem Ertrinken, noch leistete ich spontane, lebensrettende Ersthilfe bei einem Verkehrsunfall auf der A1. Ebenso verhinderte ich kein Ersticken durch beherztes Einschreiten und ich zog auch keinen ohnmächtigen Tierpfleger aus dem Bärengehege. Ich holte nicht einmal eine Katze vom Baum!

Aber dennoch: Ich bin Lebensretter! Das sagt zumindest ein britisches Forscherteam aus einem College in London. Zugegeben, sie sind nicht ganz so klar und festgelegt in ihrer Formulierung wie ich, aber ich nenne das Kind gern beim Namen: Lebensretter! Besagtes Team analysierte in einem Fachmagazin die Todesfallzahlen durch das Coronavirus und kam zu dem Schluss, dass der sogenannte Lockdown mit samt seinen Schließungen und Einschränkungen dafür Sorge getragen hat, dass in elf europäischen Ländern bis Anfang Mai etwa 3,1 Millionen Todesfälle verhindert wurden. Das ist doch eine Nachricht wert! Über 3 Millionen Menschen dürfen weiterleben, weil die Vorgaben von Politikern, Wissenschaftlern und Rechtsberatern umgesetzt wurden. Natürlich nicht nur von mir – viele tun es mir gleich.

Genau genommen sind somit ein Großteil der Bevölkerung inzwischen Lebensretter. Ist das nicht wunderbar? Sie sind Lebensretter! Ja, auch Sie! Sicher wäre es greifbarer und leichter zu erklären, wenn wir den erschöpften, durchnässten und entkräfteten Menschen vor uns liegen hätten, wenn ein fürchterliches Unfallszenario unsere Heldentat umrahmen würde oder wenn unser Vorgehen vor Augenzeugen in dankbarer Menschenmenge eingebettet sein würde. Weit gefehlt! So ist es diesmal nicht. Es ist leiser, weniger aufsehenerregend, weder imposant noch filmreif und wahrscheinlich erhalten wir auch niemals ein Bundesverdienstkreuz dafür.

Aber dennoch: Wir sind Lebensretter! Einfach dadurch, dass wir die Kontaktsperren bisweilen schmerzlich ausgehalten haben; Dadurch, dass wir diesen lästigen Mund- und Nasenschutz beim Einkaufen tragen und auch dadurch, dass wir den gebotenen Abstand zu unseren Mitmenschen bestmöglich einhalten.

So gesehen sind wir doch mit Abstand 😉 die großartigsten Lebensretter und ich bin der Auffassung, dass wir uns darüber freuen und uns mal kräftig auf die Schulter klopfen dürfen. Als Dank, als Ansporn oder als Ermutigung!

# Lebensretter!

Jede Krise ist auch eine Chance

Jede Krise ist auch eine Chance

Weltwirtschaftskrise, Finanzkrise, Flüchtlingskrise, Ehekrise. So begann einer meiner Kolumnen, die ich vor ca. vier Jahren verfasste. Heute erweitere ich besagte Glosse um das Wort Coronakrise. Damals wie heute störe ich mich in den genannten Wortzusammensetzungen am Wort „Krise“, denn hierzulande scheint mir die Krise einseitig und zwar negativ konnotiert. Gemeinhin setzen viele Menschen die Krise gleich mit Chaos, Sackgasse, Katastrophe, Ausweglosigkeit oder Tiefpunkt.

Dabei wissen wir doch, dass Worte unsere Gedanken, Gefühle und Wahrnehmungen beeinflussen. Deswegen bemühe ich mich sehr, von einer Situation oder einer Gegebenheit zu sprechen anstatt von einer Krise. Weltwirtschaftssituation, Flüchtlingssituation und nun eben die Coronasituation. Merken Sie es auch? Schon verlieren die Worte an desaströser Ausweglosigkeit. Ein Dinosaurier wird zum Frosch, ein Mammutbaum zum Grashalm, ein Großbrand zum Räucherstäbchen!

Ich will damit keinesfalls die Lage schönreden oder gar verharmlosen. Mitnichten! Was das Coronavirus mit sich bringt ist überwiegend tragisch und traurig.

Aber dennoch – Sie merken, meine Beharrlichkeit kennt keinen Sicherheitsabstand – lade ich dazu ein, sich positiver oder zumindest neutraler Wortzusammensetzungen zu bedienen. Mir persönlich tut es gut, meiner Schockstarre und meiner derzeit eher monothematischen Bewegung durch den Alltag bzw durch das, was davon übrig ist, durch bewusstes Weglassen negativer Worte entgegenzuwirken.

Und wenn Sie das Wort „Krise“ auch nach mehrmaligen Händewaschen nicht von sich gelöst bekommen, dann machen Sie sich bitte folgendes bewusst: Unsere Krise hat ihren Wortursprung im griechischen „krisis“. Das wiederum steht für Entscheidung oder entscheidende Wendung. Es wird deutlich, dass es sich sprachlich um keine Sackgasse handelt, sondern um einen chancenreichen Prozess, der immer einen Wendepunkt beinhaltet.

Und auch wenn die Chinesen scheinbar die neuartige Atemwegserkrankung COVID-19 in die Welt getragen haben – das war gewiss keine Absicht von denen – so sind es auch die Chinesen, die mit einem wunderbaren zusammengesetzten Schriftzeichen das Wort Krise veranschaulichen. Sie kombinieren dafür nämlich „Gefahr“ und „Gelegenheit“. Auch sie verdeutlichen, dass eine Krise immer das Element der Wende zum Guten enthält.

Wenn wir es schaffen, die positiven, kräftigen Bestandteile einer Krise zu verinnerlichen, mache ich mir keine Sorgen, dass wir die Zeit gut überstehen.

Jede Krise ist auch eine Chance – das ist keine neue, kluge Entdeckung meinerseits. Ich nutze diesen wahren Satz nur beharrlich für meinen Willen, Viren zu inaktivieren und gleichzeitig Kraftreserven und Zuversicht zu aktivieren!

Corona und das Toilettenpapier

Corona und das Toilettenpapier

Nein, ich halte mich weder für panisch noch übernervös und ich neige auch nicht zur Hysterie. Ich lege einfach nur aus dem Grund eine Packung meines Lieblings-Toilettenpapiers in den Einkaufskorb, weil es bei mir zu Hause im Zuge der alltäglichen Verwendung aufgebraucht ist. Mehr nicht.

Die Medien aber sorgen dieser Tage dafür, dass das Kaufen von Konserven, Streichhölzern und eben Toilettenpapier kaum mehr unkommentiert vonstattengehen kann.

„Na, Angst vor dem Coronavirus?“ muss ich mir dann beim Griff zum besagten Säuberungsutensil anhören. Jemand anderes raunt seiner Begleitung zu: „Hamsterkauf!“

Nur weil ich als Alleinlebende trotzdem das Paket mit 8 Rollen nehme, hamstere ich noch lange nicht! Dafür beginne ich am Warenregal ernsthaft, mir zu überlegen, ob ich nicht auf das Toilettenpapier verzichten könnte. Nur für die nächsten Wochen bis sich wieder alles beruhigt und normalisiert hat. Ich könnte Papiertaschentücher nehmen oder die Küchenrolle? Ich hab auch noch alte Tapetenreste und Geschenkpapier liegen und ein paar Altkleider warten eh auf Entsorgung. Ob sich Backpapier eignet? Ich könnte für ein paar Wochen meine Katzen als Vorbild nehmen oder es wie Teile der indischen Bevölkerung machen: raus aufs Feld. Ach nein, das ist alles keine gute Alternative. Weder für das Abwasserleitungssystem noch für meinen Reinlichkeitsanspruch und schon gar nicht für meinen Po!

Kapitulierend greife ich dann doch zum Toilettenpapier. Fast heimlich und peinlich berührt.

Am Laufband verwickelt mich der Kassierer unaufgefordert in ein Corona-Gespräch. Rhetorisch geübt natürlich voller Verständnis für mein vorsorgliches Verhalten. Hallo? Geht’s noch? Ich kaufe einfach nur ein. Und neben dem Toilettenpapier liegen weitere Dinge auf dem Laufband, die es wert sind, geachtet zu werden! Möhren, Süßigkeiten, Joghurt oder Schafskäse. Aber all diese Dinge fristen derzeit ein kümmerliches Dasein fernab jeglicher Beachtung und Erwähnung.

Es fällt mir schwer, meinem Wunsch nach einem Löschhubschrauber, der einfach nur Beruhigungstee über den Planeten Erde versprüht, zu unterdrücken. Gleichzeitig, ich bestehe darauf, gehöre ich nicht zu der Menschengruppe, die jedwede Gefährdung kleinredet oder gar –  wie ein gewisser schlecht frisierter US Amerikaner den Klimawandel – leugnet.

Aber ein bisschen froh bin ich dann doch, als ich weitgehend unbeobachtet mein Toilettenpapier im Kofferraum des Autos verstaut habe. Ich gebe zu: Toilettenpapier verursacht derzeit bei mir mehr Kaufscham als Kondome und Inkontinenzeinlagen von Tena-Lady sie hervorrufen könnten.

Valentin bzw. Sabine und die Sache mit der Liebe

Valentin bzw. Sabine und die Sache mit der Liebe

Ich habe es versucht – wirklich. Ich wollte eine romantische, blumige, liebevolle Kolumne über den Valentinstag schreiben. So eine mit Schokoladengeschmack und Schmetterlingsgefühl im Bauch. Aber wie – um alles in der Welt – soll mir das gelingen, wenn draußen tagelang die stürmische Sabine alles durcheinander bringt?

Sabine verstreut, zerwühlt, vermengt und bringt aus dem Konzept!  

Für gewöhnlich hat ein Blick aus der Terrassentür, neben der mein Schreibplatz eingerichtet ist, kreative Inspiration und geistreiche Formulierungen zur Folge. Sabine aber sorgte für Lärm und hektisch vorbeifliegende Dinge, wie Blätter, Äste, Stühle und Nachbars Müll. Keine gute Voraussetzung für einen Text, in dem es um die Liebe gehen soll.

Mach dich locker, Inge. Dir fällt gleich was ein. Mach dich locker!!

Meinen inneren Zuspruch muss die stürmische Sabine gehört haben. Denn plötzlich wehte neben dem ganzen eben erwähnten Unrat auch eine wundersame Vorstellung vorbei.

Hat nicht auch das, was ein bedrohliches Unwetter mit sich bringen kann, im erweiterten Sinne mit Liebe zu tun? Wirklich!

Diese Theorie ist keine zusammenhanglose Gemengelage, das ist Philosophie!

Und machen Sie sich jetzt keinen Stress: Meinen Blick auf das Wesen der Welt versteht man entweder nach 8 Semester Philosophie-Studium oder nach einer Flasche guten Rotwein!

Ich weiß zwar nicht, was der hingerichtete Märtyrer Valentin, der Verursacher und Namensgeber des Valentinstages, dazu gesagt hätte, aber für mich ist Liebe viel präsenter, als manch einer denkt. Liebe ist nicht das übermächtige, unbegreifliche und übermenschliche Kuriosum. Liebe ist auf wunderbare Weise viel unspektakulärer; Sie ist viel öfter, viel näher und sie ist viel alltäglicher!

Wer zum Beispiel einen totgefahrenen Hasen von der Straße nimmt und ihn auf den schützenden Grünstreifen legt, damit er nicht von weiteren Fahrzeugen zur Unkenntlichkeit platt gefahren wird – der liebt!

Aufgepasst, nun spanne ich den Philosophen-Bogen zum Tief Sabine: Mancherorts löste sie persönliche Notlagen aus. Manchmal nur kurzfristig, manchmal aber auch längerfristig. Beobachten wir nicht genau in solchen Augenblicken ein großes Maß an Liebe? Notstände, Unglücke und Schlamassel – jedes Mal, wenn jemand in der Patsche sitzt, rücken die Menschen zusammen; sie helfen, sie trösten, sie unterstützen, sie geben und sie schenken. Ohne Anstrengung. Scheinbar ein menschlicher Automatismus, ein tief verwurzeltes Selbstverständnis. Sowas – davon bin ich überzeugt – geht nicht ohne Liebe.

Außerdem finde ich die Vorstellung wundervoll, dass wirkliche Liebe nicht ein spezielles I-Tüpfelchen für auserlesene Extremus ist, sondern das, was in und um jeden von uns beständig und beinahe ohne Unterlass stattfindet.

Danke, liebe Sabine, für diese – pünktlich zum Valentinstag – wohltuende Gedankenbrücke an die Liebe.

Ich bin ganz bei dir

Ich bin ganz bei dir

Wo sind sie denn alle? Ich gehe durch meine Wohnung und bemerke, sehr zu meiner Verwunderung, dass ich allein bin. Dabei höre ich dieser Zeit so oft, dass sie „bei mir sind“. Ich müsste umgeben sein von Menschen. Dafür habe ich kein Recht mehr! Niemand hat heute mehr Recht. Sie wissen nicht wovon ich rede?

Erinnern Sie sich noch an Zeiten, in der es bei Diskussionen zwei Möglichkeiten gab: entweder man hatte Recht oder man lag mit seiner Meinung gänzlich daneben – bekam also kein recht.  

Das gibt es heute nicht mehr. Heute ist man „bei einem“- oder eben auch nicht.. „Ich bin ganz bei dir!“ heißt es dann weichgespült. „Wir sind absolut bei Ihnen!“ kommt es mir dann entgegen, und es fühlt sich an wie einmassiert.

Dabei ist es wirklich nicht nötig. Niemand muss sich das so einrichten, dass er bei Meinungsübereinstimmung bei mir ist. Ich bin gerne allein. Wirklich. Ich würde viel lieber wieder einfach nur Recht haben. „Ich bin ganz bei Ihnen“ wenn mir dieser Satz auf seiner Schleimspur entgegenkommt, dann weiche ich innerlich aus, weil mir diese ungewollte, aufgezwungene Nähe unangenehm ist. Wenn jemand meine Auffassung einer Sache teilt, dann ist das erstmal nichts, was mich irritiert. Jedoch mir deswegen gleich seine Anwesenheit ungefragt aufzuerlegen „Ich bin absolut bei dir“ halte ich für distanzlos, ja sogar übergriffig.

Kann er oder sie nicht fragen: „Wäre es für dich ok, wenn ich bei dir bin?“ Mit dieser Variante würde ich mich wohler fühlen. Aber jetzt, wo es modern zu sein scheint, dass alle immer gleich „bei mir sind“ graut es mir fast davor, mit meiner Meinung auf Zustimmung zu stoßen. Wer weiß, wie weit die linguistische Entwicklung diesbezüglich gehen mag? Bringt man in wenigen Jahren eine Bestätigung vielleicht schon wie folgt zum Ausdruck: „Ich wohne ganz bei dir zu Hause“ oder „Ich lege mich sowas von zu dir aufs Sofa!“

Das mag ich mir nicht einmal vorstellen!

Um etwaige sprachliche Auswüchse im Keim zu ersticken, bemühe ich mich, den Menschen wieder Recht zu geben, anstatt mich vom neuzeitlichen Sprachgebrauch anstecken zu lassen. Obwohl, wenn ich es recht bedenke, dann kann Recht haben oder Recht bekommen ein Gefühl von Macht und Bedeutung auslösen. Zu welchen Auswüchsen derartiges Gefühl im Stande zu sein vermag, das mag ich mir auch nicht vorstellen. Aber, das ist ein Thema für eine andere Kolumne – hab‘ ich recht oder sind Sie ganz bei mir?

Das Deadline-Monster

Das Deadline-Monster

Es hatte mich wieder eingeholt. Ein längst überwunden geglaubtes, listiges Monster hat mir abermals mein Maß an Disziplin vor Augen geführt. Eigentlich bin ich als Jungfraugeborene  ausgesprochen strukturverliebt und diszipliniert. Jedoch darauf bestehen oder davon auszugehen, dass diese horoskopische Weisheit einem unabänderlichen Bestandsschutz unterliegt, scheint blauäugig.

„Acht Wochen haben Sie Zeit!“ so vernahm ich den großzügig gesetzten Stichtag eines Auftraggebers.

Acht Wochen? dachte ich jubilierend mit entspannten Gesichtszüge. Acht Wochen- cool down – das bedeutete zwei Mal den Monatskalender umblättern, das bedeutete in meinem konkreten Fall sogar den Wechsel von der einen Jahreszeit in die andere. In solchen Augenblicken muss das Wort Ewigkeit ihren Ursprung gefunden haben.

Zugegeben, das war auch der Moment, in dem das Deadline-Monster sich regsam aus seinem Versteck hervortat. Denn ein Deadline-Monster ernährt sich – für alle, die es nicht wissen – von Wochen, Tagen oder auch Stunden, kurz: von Zeit! Am liebsten bio-vegan!

Aber was konnte einer Frau wie mir, mit Disziplin in der DNA schon passieren? Immerhin hatte ich acht Wochen Zeit. Das Deadline-Monster würde satt sein, ehe ich in Zeitnot gerate. Somit war es eine völlig logische Schlussfolgerung, dass ich vorerst die Erledigung anderer mehr oder minder lebensnotwendiger Dinge vorantrieb: Schuhe kaufen, Badezimmer frisch tapezieren und neu dekorieren, lesen, töpfern und Freunde treffen.

Nach fünf Wochen hatte ich den ursprünglich von mir anvisierten Abgabetermin bereits zweimal verschoben.

„Es reicht aus, wenn ich die Arbeit eine Woche vor dem genannten Stichtag abgebe!“ beruhigte ich mich. Nächste Woche fange ich an. Ganz bestimmt.

Eine Woche später, das Deadline-Monster inzwischen wohlgenährt, fand ich es irgendwie ausgesprochen legitim, in der letzten Woche vor Abgabe mit der Arbeit erst zu beginnen. Die Woche wird reichen. Das schaffe ich! Ich bin gut – ich bin schnell!

Zwei Tage vor der Deadline bekam ich ein flaues Gefühl in der Magengegend. Schade, dass ich noch nicht angefangen bin. Wieso kommt mir gerade jetzt in den Sinn, dass man Deadline aus dem englischen mit „Todesstreifen“ übersetzen kann? Vielleicht, weil sich die ganze Misere inzwischen für mich so anfühlte, als wandele ich auf einem solchen. (Stöhn…ausatmet)

Am letzten Tag stellte ich mir den Wecker dann ganz früh. Wenn ich um 4 Uhr morgens mit der Arbeit beginne, Duschen ausfallen lasse, mir aufputschende Getränke zur Seite stelle, etwas Obst, viel Schokolade, die Nachbarin bitte, meine Tiere zu versorgen, das Handy auf lautlos stelle, mich von der Umwelt isoliere… dann könnte es klappen.

Stunden später. Es ist 23.50 Uhr. Morgen sind acht Wochen um. Alles ist im Kasten. Das Deadline-Monster hat sich adipös in sein Versteck zurückgezogen und ich klicke geschafft aber dennoch glücklich und triumphant auf „Senden“.

Ich will nicht jammern

Ich will nicht jammern

Wenn mir der frisch aufgebrühte Kaffee, wozu ich den alten weißen Keramikfilter meiner längst verstorbenen Oma nutze, nicht schmeckt, dann weiß ich: Ich bin krank!

Ich will nicht jammern, aber

… meine satte Frühjahrs-Erkältung war bereits völlig abgeklungen und am Alltag nahm ich längst wieder rege teil. Aber schon nach wenigen Wochen kam alles wieder – als hätte ich ein Abo abgeschlossen: Halskratzen, Kopfschmerzen, Nase dicht und Hustenanfälle bis zum Würgereiz.

Also richte ich erneut mein Krankenlager am Sofa ein. Alle für mich wichtigen Dinge gut erreichbar um mich herum drapiert und trotzdem den freien Blick zum Fernseher erhalten. Das gleicht je nach Tischgröße, die einem am Sofa zur Verfügung steht, einer logistischen Herausforderung. Aber: Ich bin inzwischen in Übung und habe auch diesmal alles auf ein praktisches Handling hin sinnvoll ausklamüstert:

Die Fernbedienungen und die DVD-Staffeln von „Unsere kleine Farm“ liegen links auf dem Tisch. Ein Buch, das würde für mich sprechen und sich auch in gewisser Weise gebildet anhören, aber in Wahrheit ist mir das Lesen mit Erkältungssymptomen viel zu anstrengend. Die Wasserflasche, ein Glas und meinen Tee ganz rechts. Vielleicht sollte ich meinen Tee anstatt mit Honig mit Rum trinken? Nicht, dass mich das gesünder machen würde. Aber die Erkältung würde mir vielleicht mehr Spaß machen? Zumindest nach dem vierten Tee.

Ich will nicht jammern.

Die Nasentropfen, die Halsschmerztabletten, die Taschentücher, die Nüsse für den kleinen Hunger und das Telefon verteilen sich zwischen DVDs und Getränke. Ebenso wie die Schüssel mit dem Wasser mit Zwecktemperatur: heißes Wasser mit einem Tropfen Eukalyptusöl fürs Inhalieren – kaltes Wasser bei Fieber. Fehlen darf auch die Heilcreme nicht, die die vom ständigen Naseausschnauben geschundene Haut wieder regenerieren soll. Zudem muss eine kleine Fläche auf dem Tisch frei bleiben. Diese füllt sich mit der Zeit ganz von allein durch benutzte Taschentücher. Aber wie gesagt: Ich will nicht jammern.

So erreiche ich, dass ich kaum mehr für irgendetwas aufstehen muss. Das ist gut so, denn liegend genese ich am besten. Das weiß ich noch vom letzten Mal. Noch schlimmer als aufstehen zu müssen während der Erkältung ist es, sich bücken zu müssen. Dann schießt ein pulsierender Schmerz in die Stirn, der sich gewaschen hat. Jeder sollte sich vor dem nächsten Bücken eine Liste machen, auf der alles steht, was man in dieser Haltung erledigen kann, nur damit man sich kein zweites Mal bücken muss. Ich weiß inzwischen, wovon ich rede.

Aber ich will ja nicht jammern.

Das Großhirn allerdings will von meinem Ruhelager nichts wissen: „Der Kopf ist doch auf dem Hals, also kannst du auch zur Arbeit und musst nicht mit „Unsere kleine Farm“ deine Seele streicheln!“

Großhirn, du kannst mich mal kreuzweise. Ich will weder im Himmel einen Platz neben meinem Chef, noch einen Orden oder ein Pokal verliehen bekommen für ein tapferes „Krank-zur-Arbeit-schleppen“. Auch möchte ich meine Kollegen ungern anstecken und schon gar nicht muss ich einem geschätzten Menschen, mit dem ich noch mein ganzes Leben lang vereint sein werde, etwas beweisen: nämlich mir selbst!

Alles ist mega

Alles ist mega

Wenn ich einen Anlass suche, um mich mal wieder über etwas zu erhitzen oder so richtig die Beherrschung zu verlieren, bildungssprachlich ausgedrückt mich also echauffieren möchte, dann schalte ich den Fernseher an.

Ich muss nicht lange zappen, bis eine Sendung mich mit meinen Anspruch in Sachen Kommunikation konfrontiert. Nicht selten, insbesondere in von Werbung unterbrochenen Formaten, in denen es um Bewertung oder Meinung geht – egal wovon, egal wozu – scheint die sprachliche Verständigung sich auf das Wort mega zu reduzieren. Alles ist mega! Kleiner Bildungsauftrag am Rande: Die griechische Vorsilbe mega, von der hier die Rede ist, kann mit dem deutschen Wort groß übersetzt werden. Mega wird zum einen zur Überhöhung anderer Adjektive genutzt, zum Beispiel ist etwas nicht lustig sondern megalustig. Ist es ein Phänomen unserer Zeit, weil wir scheinbar in so vielen Bereichen des Lebens im Überfluss heranwachsen und uns deshalb solch überflüssiger Wörter bedienen? Sind wir bereits immun gegen alles, was sich im Bereich des vermeintlich Normalen abspielt? Müssen wir inzwischen um jeden Preis die Steigerung anwenden, um uns selbst noch zu spüren?

Zum anderen wird mega aber auch als Synonym für andere durchaus schöne Eigenschaftswörter eingesetzt. Zum Beispiel ist eine Liebeserklärung kaum mehr märchenhaft, umwerfend, herzerwärmend oder wunderbar, sie ist mega! Oder für die Schönheit der Natur werden in besagten Fernsehformaten nicht Beschreibungen wie atemberaubend oder hinreißend genutzt, nein, auch sie ist mega. Mega als allumfassendes Ersatzwort, als sprachlich stellvertretende Universalwaffe.

Wenn man ein bisschen wortverliebt ist, so wie ich, dann wird mega als sehr aussageschwach und nichtssagend empfunden. Es ist weder präzise noch klar. Es ist nicht greifbar und kein bisschen sinnlich. Es schaut nicht hin und hört nicht zu. Es soll einer Sache über Gebühr Beachtung schenken und wird ihr gleichzeitig doch nie gerecht.

Deswegen für alle bis hierhin Ausdrucksdezimierten: Entdeckt bitte wieder die Freude am Umgang mit all den im deutschen Sprachgebrauch zur Verfügung stehenden wundervollen Eigenschaftswörtern. Das wäre mega!

Schokoladenschmelze

Schokoladenschmelze

Es ist Januar. Überlebt! Dieses Mal war es besonders schlimm. Ich schien die letzten Wochen keine Abwehrkräfte zu haben. Ich meine nicht die Kräfte, die etwaige Erkältungsviren abwehren. Die Rede ist von meinen nicht vorhandenen Abwehrkräften gegenüber alles, was Schokolade war, nach Schokolade roch oder einfach nur nach Schokolade aussah.

Begonnen hat das Dilemma bereits Anfang Dezember. Mit einem stimmungsvollen Weihnachtskalender habe ich mich angefüttert. Jeden Tag ein kleines, zartes Stück Schokolade. Welch Genuss, wenn man mit der Zunge das wohlgeformte Stück bedächtig in alle Ecken und Kanten der Mundhöhle einmassiert und schlussendlich nach einer kurzen weiteren Verzögerung, weil es sich so wunderbar anfühlt, eine warme, zart-weiche Schokomasse hinunterschluckt. Ach…

Das ging einige Tage so. Bis Nikolaus. Der alljährlich gedachte Todestag des selbstlosen, heiligen Nikolaus erwies sich als weitere Attacke gegen meine Standhaftigkeit. Nun gab es nicht mehr nur ein Stück am Tag. Aber ich scheine ein anpassungsfähiges Weib zu sein, und so machte mir der gesteigerte Schokoladenverzehr vorerst nichts aus.

Zugegeben, meine Bewegungsfreude ließ parallel dazu etwas nach, was ich ignorierte und auf Zeitmangel zurückführte, denn ich musste ja die ganze Schokolade essen, die mir geschenkt wurde! Diesbezüglich bin ich von der Kriegs- und Nachkriegsgeneration geprägt wurden. Das bedeutet: Nichts umkommen lassen!

Mit Riesenschritten näherte ich mich dem Weihnachtsfest, dem Zenit des Schokoladenkonsums. Ich saß in der Patsche, denn längst hatte ich körperliche Warnzeichen einfach überessen und selbst Pralinen, die ich nicht mochte, wurden mit „Mhmm lecker“ begrüßt und verspeist. Meine Geschmacksnerven schienen überlastet und willenlos.

Ende Dezember: Kapitulation in Vollendung. Wenn ich das nächste Jahr erleben wollte, brauchte ich eine Schokoladenschmelze, und zwar zackig! Die Schokolade, die noch verschlossen in meiner Wohnung zu finden war und auch die Schokolade, die sich bereits in umgewandelter Form an meiner Taille – beziehungsweise das, was davon übrig war – festhielt, mussten weg.

Ich möchte den schwierigen Prozess der Schokoladenschmelze hier nicht konkreter thematisieren. Als Folge dieser anstrengenden Strapaze aber kann ich dankbar verkünden: Es ist Januar. Ich habe überlebt!

25 Grad aufwärts

25 Grad aufwärts

Obwohl wir aufgrund technischer Erfindungen und Weiterentwicklungen in der Lage sind, uns rasend schnell fortzubewegen, sehr tief zu tauchen, enorm hoch zu fliegen und extrem viel mitzuteilen, gibt es nach wie vor einen Bereich, auf den wir keinen Einfluss nehmen können: das Wetter! Die zurückliegenden Wochen, ja, Monate haben uns das gezeigt.

Es fühlte sich fast so an, als zeige uns das Klima ein wenig den sogenannten Stinkefinger. Und das konnte es mir gegenüber auch ungeniert tun, denn bei Temperaturen von 25 Grad aufwärts ist meine rebellische Widerstandskraft auf dem Nullpunkt.

Die morgendlichen Stunden zwischen 4.30 und 8.00 Uhr sind die, die sich beinahe kühl anfühlen und deswegen von mir produktiv genutzt werden. Danach geht die Leistungskurve langsam, aber kontinuierlich in den Keller. Das bringt natürlich einen inneren Konflikt mit sich, denn nun folgen in der Regel die Stunden, in denen meine Tatkraft einem Arbeitgeber zur Verfügung stehen sollte. Das geht nur bei laufendem Ventilator. Der wiederum bringt zuverlässig meine Zettelwirtschaft auf dem Schreibtisch durcheinander und sorgt dafür, dass ich mich wie ein Huhn im Umluftofen fühle, aber er sichert auch mein Überleben. Irgendwas ist ja immer!

Am Nachmittag sieht es nicht viel besser aus. Ich gehe der Sonne und den heißen Temperaturen aus dem Weg wie manchmal unliebsamen Begegnungen beim Einkaufen. Während meines heliophoben Rückzugs ins kühle alte Bauernhaus frage ich mich: „Wie machen die das in Afrika?“ Meine Gedanken sind anteilnehmend bei denen, für die derartige Wettereskapaden Standard sind, und bei den Landwirten hierzulande, deren Existenz dadurch unsicherer oder gar bedroht ist.

Doch da – was ist das? Stunden später! Endlich: ein Lebensgeist! Und noch einer! Und noch einer!

Die Temperaturen fallen wieder auf ein für mich brauchbares Maß, um irgendetwas fertigzukriegen. Irgendetwas von dem, was in all den unproduktiven Stunden des Tages liegen geblieben ist. Aber auch Liegenlassen ermattet mich während klimatischer Extreme, und so falle ich bald Ruhe suchend ins Bett, um dort meiner Unsicherheit bezüglich aufkommenden Schweißes zu begegnen: Wetter oder Wechseljahre? Aber das wird eine eigene Kolumne. Um die nun auch noch zu Papier zu bringen, ist es mir viel zu heiß!