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Meine aktuelle Kolumne

Wer nicht fragt, bleibt dumm

Ich schenke der Selbstbedienungskasse keine Beachtung und gehe zielstrebig auf Kasse 4 zu, an der ein junger, gutaussehender Mann – ganz „old school“ – seine Arbeit verrichtet.

Zwar versprechen die sogenannten SB-Kassen eine gewisse Zeitersparnis, aber dennoch können sie mich derzeit mal kreuzweise. Denn die Pandemie mit ihrer anhaltenden Kontaktbeschränkung feuert meinen Redebedarf nur allzu sehr an. Ich nutze jede noch so kleine Gelegenheit, der eine Möglichkeit eines Wortwechsels innewohnt. Schon Ernie und Bert wussten: Wer nicht fragt bleibt dumm! Also frage ich in den Läden nach bestimmten Produkten, obwohl ich ganz genau weiß, wo diese liegen; Ich passe seit geraumer Zeit meinen Postboten ab und frage irgendetwas über Briefmarken. Und wie eingangs erwähnt lasse ich inzwischen die SB-Kassen links liegen.

Zurück zur Kasse 4. Mein kontaktfreudiges Auge hat schon längst eine übergroße Tätowierung auf dem Unterarm des Kassierers erspäht. Die wird mein Ausgangspunkt für einen sattsamen Plausch am Morgen. Ich freue mich! Er bestimmt auch!

Wenige Augenblicke später: „Mögen Sie mir verraten, was dort auf Ihrem Unterarm steht?“

Bereitwillig erzählt mir der junge, gutaussehende Mann, dass dort der Name seines Geburtsortes verewigt ist. Eine Stadt irgendwo in Mittelamerika. Ich fühle, er ist genauso dankbar über diese beginnende Unterhaltung, wie ich. Ausgehungert nimmt er auch meine vertiefenden Fragen entgegen: „welches Land?“, „wie lange dort?“, „seit wann in Deutschland?“, „Geschwister?“, „Konfektionsgröße?“

Nun gut – ich frage ihn nicht wirklich nach seiner Konfektionsgröße, aber es verdeutlicht den Tiefgang unserer Plauderei oder vielleicht auch nur meine Verzweiflung.

Schon bald gibt es einen Knick im Klönschnack: Die Schlange hinter mir, die ich anfänglich gekonnt ignoriert habe, wird länger; Mein Gesprächspartner beginnt einsilbig zu antworten – er ist nicht mehr bei der Sache!

„Contenance, mein Lieber. Konzentrier dich!“, denke ich noch bevor meine Gefühlslage zu schwanken beginnt. Auf der einen Seite klammerndes Festhalten an diesem Austausch, auf der anderen Seite Verständnis für seine Situation und auch für die Kunden nach mir. Vielleicht stehen sie aus dem gleichen Grund wie ich an Kasse 4 – vielleicht sind auch sie ausgehungert nach Kommunikation – vielleicht ist ihr Ausharren in der langen Schlange Teil ihrer Strategie. Vielleicht! Ich denke, ich sollte sie fragen. Denn schon Konfuzius wagte zu behaupten: Wer fragt, ist ein Narr für eine Minute. Wer nicht fragt, ist ein Narr sein Leben lang.